Esst mehr Wurst!

27 Mrz

Mit dieser etwas anachronistischen Forderung wird man in diesen Tagen, zumindest in Berlin, an jeder Strassenecke konfrontiert. Diese Forderung wird in Form von grellbunten, zynischerweise meist vorrangig in grün gehaltenen Plakaten, obwohl die deutsche Wurstindustrie weiter weg von einem “grünen Image” nicht sein könnte, unter die gierig auf Anregung für den nächsten Fleischthekenbesuch wartenden Lichtenberger und Neuköllner Durchschnittsberliner gebracht. Besonders ins Auge sticht hierbei die Bifi Werbung mit “Bist Du müde? – Iss doch Wurst!”, einer Werbung, die, tätärätä, darauf hat die körperlich und geistig vor sich hindämmernde Berliner Einwohnerschaft gewartet, Wurst mit anregendem Guarana bewirbt. Dann gibts noch Werbung für allerlei Berliner Schlacht- und Wurstverarbeitungsbetriebe, die seltsamerweise teilweise sogar “Münchner Weisswurst”,  Made in Berlin anpreisen.
Die Frage, die sich mir bei all dem Wurstoverkill in der Stadt stellt, ist die, woher die derzeitige Werbewelle dieser Art herrührt. Ich habe da eine Theorie: Demnächst wird Jonathan Safran Foers “Eating Animals”, ein Sachbuch des amerikanischen Bestsellerautors, der sich mit den unschönen Folgen des Fleischkonsums beschäftigt, auf Deutsch erscheinen. Schon seit Wochen rücken dadurch wieder Vegetarier und Veganer in den Mittelpunkt des medialen Interesses, dies habe ich vor allem durch vermehrte Presseberichte und -anfragen bezüglich meiner Vegetarierseite veggieportal.de merken müssen.
Fürchtet die Wurstindustrie um ihre Pfründe oder warum werden wir derzeit so mit wurstigen Werbebotschaften zugeballert? Aus meiner Sicht wird es langfristig aus gesundheitlichen und moralischen Gründen gar keinen Weg mehr an einer Ausweitung der vegetarischen Ernährung geben. Deshalb rate ich der ehrenwerten Berliner Wurstindustrie, eher auf den Weg der fleischanalogen Produkte, die immer besser  und echtem Fleisch ähnlicher werden, auszuweichen.
Denn langfristig werden, wenn diese endlich mal billiger werden sollten als Fleisch aus tierquälerischer Haltung, auch breitere Bevölkerungsschichten jenseits der Prenzlberger Akademikerfamilie diese gesünderen und leckeren Produkte für sich entdecken.
Das Aufbäumen der Wurstindustrie derzeit erinnert mich etwas an Adolf Hitlers Kämpfe bis zum letzten Mann – unter Leugnen der tatsächlichen Situation wird ein junges Leben nach dem anderen, damals waren es Menschen, heute sind es Tiere, sinnlos verheizt. Am Ende hatte Nazideutschland jedoch keine Chance, und so wird es auch der deutschen Fleischindustrie gehen.

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