Der Balsam der Wortanalyse

31 Mrz

“Ehrgeizig in den Frühling!” lautete der Aufruf in der örtlichen Volkshochschule, der einen wohl anspornen soll, der persönlichen Qualifikation noch weitere Hard und Soft Skills wie Origamifalten, Buchführung oder Kommunikationsmanagement hinzuzfügen. Ehrgeizig. Abgesehen davon, was die üblichen Objekte von Zielerreichungsbestrebungen (Kleidergröße 34, Golfer/in des Jahres, siebenstelliges Jahres-, Verzeihung, Monatsgehalt) eigentlich mit Ehre zu tun haben – kann man wirklich ehrgeizig sein? Geizig ist der, der ungern gibt und lieber für sich behält. Was voraussetzt, dass er etwas hat. Wer mit Ehre geizt – wie auch immer Ehre hier verstanden werden will – hat diese bereits erreicht und muss nicht mehr “ehrgeizig” danach streben – wenn überhaupt, müsste es doch ehrgierig heißen; ein Wort von beispielloser Hässlichkeit. Und das werden wir künftig antworten, wenn wir Auskunft geben sollen, warum wir uns keine Arbeit suchen, noch nicht mit dem Studium fertig sind, nicht befördert worden sind, ja, was wir überhaupt aus unserem Leben machen wollen: Dass uns die Ausrichtung unseres Lebens nach einem Begriff, dem es gelingt, in sich gleichermaßen inhaltsleer und widersprüchlich zu sein, halt schon etwas fragwürdig vorkommt.

2 Responses to “Der Balsam der Wortanalyse”

  1. Oliver 31. März 2010 at 14:08 #

    Dies schreit, nein, giert geradezu nach einer neuen Rechtschreib- oder, besser: Wortbedeutungsreform! Lasst uns dafür auf die Strasse gehen und ehrgierig für dieses hehre Ziel streiten.

  2. Clarice 31. März 2010 at 14:13 #

    “‘Ehrgierig statt ehrgeizig!’ lautet das Motto der Demonstranten vor dem Roten Rathaus” – da freue ich mich auf die kulturpessimistischen Artikel in den Feuilletons, in denen sechzigjährige Männer die immer weiter zunehmende Bescheuertheit der Jugend* beklagen.

    *alle unter 55

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